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Ausgabe: 1-2017

Tour de Provenance No. 6

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„Das Braun der Laubbäume wellte herbstlich dahin und mündete weiter oben in violettem Dunst, der sich löste, lila und reihergrau wurde und in milchiges Blau überging.“ So beschreibt Elisabeth Langgässer die südhessische Landschaft rund um den Kühkopf in ihrem 1936 erschienen Roman „Gang durch das Ried“.

Am 9. Oktober 2016, einem „reihergrauen“, kühlen Sonntagmorgen trafen sich nun schon zum sechsten Mal eine Gruppe muntere Provenienzradler, diesmal krankheitsbedingt leider auf fünf abenteuerlustige Charakterköpfe dezimiert, um den an die Weite Hollands gemahnenden Landstrich mit ihren Fahrrädern zu durchmessen. Der Startpunkt befand sich am Bahnhof in Groß Gerau-Dornheim, der im Gegensatz zu den radelnden Bibliothekaren seine beste Zeit schon lange hinter sich haben dürfte. Gleich hinter dem Bahnhof wartete eine steile Brückenauffahrt als erste Bergprüfung, die mit Bravour gemeistert wurde, ehe bereits nach wenigen Kilometern mit dem Naturschutzgebiet Torfkaute ein erster Höhepunkt der Tour erreicht war.

Früher wurde hier Torf gestochen, heute sind die Alt-Neckar-Auen Rückzugsgebiet für seltene Vögel und noch seltenere Molche.

Wie schon in Marburg hatte es uns besonders der Kammmolch angetan, auch wenn wir an diesem kühlen Morgen kein einziges Exemplar zu Gesicht bekamen. Wahrscheinlich wollte er sich nicht ungekämmt zeigen, der Molch.

Inzwischen bekamen die grauen Wolken erste Risse wie Echsen-Eier im Godzilla-Film und silberne Sonnenstrahlen tauchten den nahen Waldrand in ein fahles Licht. Jurassic Park statt Torfkaute? Wenn jetzt die Monster kämen? Mit einem Brontosaurus hätte man es ja noch aufnehmen können, aber mit mutierten Kammmolchen ist sicher nicht zu spaßen. Hurtig schwangen wir uns auf die Räder, um uns zwischen Wolfskehlen und Goddelau das erste Mal zu verfahren.

Doch bald fanden wir auf den rechten Pfad zurück und es ging auf literarischen Wegen Richtung Büchnerhaus, dem Geburtshaus Georg Büchners (1813-1837), heute Museum und Kulturzentrum, das leider noch nicht geöffnet hatte.

Vorbei am Philippshospital, einem der ersten psychiatrischen Krankenhäuser der Welt, wo Büchners Vater als Arzt tätig war, erreichten wir Stockstadt, eigentlich keine Metropole, aber doch groß genug, um im Straßengewirr erneut den falschen Weg einzuschlagen.

Munter Richtung Süden unterwegs hätten wir wahrscheinlich am nächsten Tag die Alpen erreicht, wenn wir nicht eine Gruppe freundlicher Radfahrer nach dem Weg gefragt hätten. Deren „Chef“ entpuppte sich als überaus auskunftsfreudiger Reiseführer: „Fahrnse uns aafach hinnerher, da kann ich Ihne schun mol was iwwer de Kiekopp erzähle …“ Gesagt, getan. In weniger als zehn Minuten, bis wir zum Hofgut Guntershausen abbogen, hatte uns der redeschwallende Herr in bestem Stakkato-Hessisch schon mit den nötigen Informationen versorgt: Der Kühkopf war eine Halbinsel, die im 19. Jahrhundert im Zuge der Rheinbegradigung mittels eines Kanals vom linksrheinischen Gebiet abgetrennt und dadurch zur Insel wurde. Zusammen mit der Knoblochsaue zählt der Kühkopf heute mit ca. 2400 ha zu den größten Aueschutzgebieten am Rhein.

Im Hofgut Guntershausen befindet sich das Umweltbildungszentrum „Schatzinsel Kühkopf“, in dem sehr anschaulich die regionale Flora und Fauna, aber auch die frühere forst- und landwirtschaftliche Nutzung dargestellt wird.

Besonders das mit einer kleinen Handpumpe zu betätigende Überflutungs-modell fand großen Anklang.

Mit kindlicher Freude und Begeisterung wurde der Kühkopf gleich mehrfach geflutet und wieder trockengelegt.

Da Pumpen und Radfahren hungrig macht, ließen wir uns bei Kaffee und Kuchen im nahen „Café“ nieder. Kollege Eckert erwarb in Ermangelung eines Antiquariats zwei Dosen Wildschweinwurst, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Als wir Guntershausen verließen, begann nach wenigen Minuten das Wetter schlechter zu werden, dunkle Wolken zogen über dem Altrhein auf und die ersten Regentropfen fielen. Die Damen trotzten mutig dem Schauer und erreichten Erfelden, während die Herren Weicheier unter einer Pappel Schutz suchten und sich mühsam ihre Regenhosen und -jacken überstreiften, vom Aussehen den bereits erwähnten Kammmolchen nicht unähnlich. Aber bald besserte sich das Wetter wieder und die Fahrt ging weiter auf dem Damm Richtung Knoblochsaue, wo wir staunend vor dem Neujahrsloch standen, einem kleinen See, der zum Jahreswechsel 1882/83 durch einen Dammbruch entstanden ist.

Österreichische Nationalbibliothek

Damals brach der Hauptdamm auf einer Länge von über 100 m, eine verheerende Flut wälzte sich landeinwärts und überschwemmte die Ortschaften Leeheim, Geinsheim, Wallerstädten und Trebur. Zurück blieb das Neujahrsloch als 20 m tiefes Strudelloch. Bereits einen Kilometer weiter betraten wir erneut geschichtsträchtiges Terrain: Eine Gedenkstätte mit der 12 m hohen Schwedensäule, die 1632 zur Erinnerung an den Rheinübergang schwedischer Truppen unter der Führung Gustav Adolf II. am 21. Dezember 1631 errichtet wurde. Wie die Schweden Soldaten, Kanonen, den Tross und die komplette Kavallerie mit auf Booten genagelten Scheunentoren über den Rhein setzen konnten, blieb uns ein Rätsel. Aber vielleicht waren die Tore gar nicht genagelt sondern geschraubt und an diesem Tag wurde von einem schwedischen Pionier der IKEA-Inbus-Schlüssel erfunden. Da hat die historische Forschung doch noch Einiges vor sich …

Auf regennassen Feldwegen erreichten wir, vorbei am Riedsee, der sich in Südsee und Nordsee teilt, schließlich Leeheim, wo wir in der Vereinsgastsstätte des FC Germania Leeheim 1907 noch länger bei Muscheln, Pizza, Salat, Steinpilztortelloni und dem ein oder anderen Gläschen Flüssigem zusammensaßen.

 

Wir, das sind Monika Denker, Annelen und Ingo Ottermann, Bernd Reifenberg und Hans Eckert. Uns allen hat’s gefallen. Was sich fast so schön reimt, wie die Verse einer mittelrheinischen Dichterin, die der Chronik des 6. Provenienzradelns einen würdigen Abschluss verleihen.

Nein, nicht Hildegard von Bingen, sondern Annelen von Mainz:

Junger Kammmolch ohne Kamm fuhr vergnüglich auf dem Damm.
Auf den Satteln auch gesessen, Provenienz  aus Rhein- und Hessen,
hat das Kleeblatt "60 plus", allen war es ein Genuss.
Zwei null siebzehn soll's dann sein ausnahmsweise links vom Rhein.

 

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