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Ausgabe: 1-2017

Literaturtipp: „Und auch Wehmütigkeit“ von J.J. Voskuil - mit Leseprobe

Aperitif

Unser Literaturtipp im Januar:

 


 

J. J. Voskuils siebenbändiger Roman "Das Büro" ("Het Bureau") wurde in den Niederlanden mit über 400.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. Auch hierzulande hat sich bereits eine Fangemeinde gebildet. Alle weiteren Bände werden halbjährlich im Verbrecher Verlag veröffentlicht.

 

Leseprobe aus dem 5. Band der Reihe „Das Büro“  ( "Und auch Wehmütigkeit" von J.J. Voskuil, 2016) mit freundlicher Genehmigung von:

Verbrecher Verlag

 


 

 

Maarten Koning arbeitet in einem völkerkundlichen Institut in Amsterdam. Anschaulich wird sein Berufsalltag aufs Ausführlichste in der Reihe „Das Büro“ von Johannes J. Voskuil beschrieben. Maarten findet seine Arbeit ziemlich sinnlos, obwohl er viele Erfolge als Wissenschaftlicher auf nationalen und internationalen Kongressen feiert. Aktuell im 5. Band „Und auch Wehmütigkeit“ muss er leider für ein Forschungsprojekt über die Geschichte des Brotes“ in die Zentralbibliothek.1

 

"Ich gehe in die Bibliothek."
Er [Marten Koning] lächelte, sich des Effekts dieser Bemerkung bewusst. "Nein!", sagte Bart [Maartens Mitarbeiter] und sah auf. "Doch", sagte Marten lächelnd.
Ad [Maartens Mitarbeiter] hatte seinen Kopf angehoben und sah mit einem verschmitzten Lächeln über den Rand des Bücherregals. "Wie lange ist das jetzt her?" "Zwanzig Jahre?", schätzte Maarten.
"Dann finde ich eigentlich, dass du das hättest durchhalten müssen", sagte Bart.
"Das hätte ich auch gern gewollt, aber die Bücher, die ich brauche, werden nicht ausgeliehen."
"Hast du dich schon mal gefragt, wovor du eigentlich solche Angst hast?" fragte Bart. "Denn ganz normal ist das doch nicht."
"Ich glaube, dass ich es anmaßend finde."
"Wie hast du das denn gemacht, als du noch studiert hast?" "Da war ich Student. Jetzt bin ich eine Art Gelehrter." Er lachte verlegen.
"Aber du bist doch auch ein Gelehrter?", frotzelte Ad.
"Ja, eben. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, an die Vorstellung, meine ich. Ich fühle mich wie ein Scharlatan, und ich habe das Gefühl, dass alle es sehen." Er sah Bart an. "Wie läuft das eigentlich? Man geht rein..."
"Du kennst das Gebäude doch von außen, oder?"
Maarten nickte.
"Es gibt da diese gläsernen Schwingtüren. Da gehst du durch. Und dann kommst du in eine Halle."
"Und wo ist die Garderobe?"
"Die ist links, eine Treppe tiefer." "Und die Ausleihe?" "Da musst du die Treppe hoch in den ersten Stock, und dann sind es die Schwingtüren im hinteren Teil, auf der linken Seite."
"Dann finde ich es schon. Danke." Er ging zur Tür.
"Halt die Ohren steif", sagte Bart. "Ja", sagte Ad.
"Danke."
Er ging auf den Flur. Während er dastand und seinen Mantel anzog, kam Tjitske [Maartens Mitarbeiterin] die Treppe hinauf. "Ich gehe in die Bibliothek", sagte er. "Oh?", sagte sie.

Draußen regnete es. Es war unwirtlich. Er stellte den Kragen auf und hastete, ohne sich umzusehen, den Blick auf den nassen Asphalt gerichtet, zur Bibliothek. Die Schwingtür ließ sich mühelos öffnen. Er betrat die Halle. Blindlings, als liefe er diese Route bereits seit Jahren, bog er links ab, während er seinen Mantel aufknöpfte, und ging die Treppe hinunter zur Garderobe. Dort erwartete ihn eine Überraschung. Außer einem Tresen, wie es ihn auch in der alten Bibliothek gegeben hatte, war dort eine ganze Batterie grauer Metallschränkchen. Er zögerte einen Moment, dann holte er gehetzt, als täte er etwas, das nicht statthaft sei, seine Papiere aus der Plastiktüte, stopfte die Tüte in die Manteltasche und legte den Mantel über den Tresen. Es dauerte einen Moment, bis das Fräulein, das im hinteren Teil saß und häkelte, ihre Arbeit weglegte und zu ihm kam. Er schloss daraus, dass es nicht normal war, den Mantel abzugeben, vielleicht war die Garderobe nur für höhergestellte Persönlichkeiten gedacht, und die Schränkchen waren für Leute wie ihn, doch da er nicht mehr zurückkonnte, ignorierte er ihre Widerwilligkeit. Er nahm die Nummer entgegen und wandte sich gehetzt ab, rannte die Treppe wieder hinauf, strauchelte, da er die Breite der Stufen falsch eingeschätzt hatte, blieb jedoch auf den Füßen und rannte, zwei Stufen gleichzeitig nehmend, in den ersten Stock, durch die Schwingtüren, die Bart vorhin erwähnt hatte. Dort blieb er unschlüssig stehen.

Der Raum ähnelte in nichts der Ausleihe in der alten Bibliothek. Der einfache Holztresen von früher mit den hohen Fenstern dahinter, die Aussicht auf den Singel boten, war zu einem enormen Komplex angewachsen, in den die Bücher auf einem Transportband hineinfuhren. Die Reihe der Holzschränke mit Karteikarten, die früher an der rechten Wand gestanden hatten, gab es zwar noch, doch sie wurden durch Türen unterbrochen, die Zugang zu anderen Räumen boten, und machten neben den fünf oder sechs Batterien mit Hunderten kleinen Metallschränkchen, die seitlich des Tresens ein Viertel des Saals in Beschlag nahmen, einen unscheinbaren, verwahrlosten Eindruck.

Er fasste sich ein Herz, ging zu den Schränkchen an der Wand, zog einen Schubkasten heraus, sah, dass es der Zeitschriftenkatalog war, schob den Kasten wieder zurück, drehte sich abrupt um und ging willkürlich in einen Zwischengang zwischen zwei Schränken mit Metallschubkästen. Bis auf Kopfhöhe hinter einer Brüstung aus Kästen abgeschirmt, gewann er seine Ruhe halbwegs zurück. Noch mehrere andere Leute waren mit den Kästen beschäftigt, und aus dem Raum dahinter hörte man ein Gewirr von Stimmen und die Schritte vor allem von Studenten, wodurch er für sein Empfinden kaum auffiel. Er fand einen kleinen Stapel Ausleihscheine, suchte noch immer etwas gehetzt und ohne sich beraten zu lassen die Titel der Bücher, die er einsehen wollte, notierte die Nummern, wagte sich wieder hinter seinem Schutzwall hervor und legte den Stapel auf gut Glück in einen Kasten auf der Ecke des Tresens, auf dem "Eingang" stand.

Hinter dem Tresen arbeiten zwei Männer, ein dritter transportierte kleine Stapel Bücher, die am Ende des Raums durch ein Loch in der Wand hereintransportiert  wurden. In einiger Entfernung vom Tresen standen und saßen etwa zwanzig Leute und warteten. Nach einigem Zögern stellte er sich in ihrer Nähe auf, neben einen Pfeiler. Die Männer hinter dem Tresen riefen durch ein Mikrofon Namen aus, schoben die Bücher zur Seite, wenn keine Reaktion kam, und riefen einen neuen Namen. Die Gruppe Wartender schrumpfte und wuchs wieder an. Während er regungslos den Bewegungen folgte, las er aus den Augenwinkeln alle Informationen, die auf Schildern überall angebracht waren, bis er, darüber erschreckend, in einem kleinen Stapel in Leder gebundener Bücher, der über das Transportband in den Raum glitt, seine Bücher vermutete. Er folgte ihnen gespannt auf ihrem Weg zum Tresen, trat einen Schritt vor, nicht ganz sicher, ob er es richtig machte, während der Mann hinter dem Tresen den Stapel zu sich heranzog, und er wartete, bis sein Name ausgerufen wurde. Der Mann, ein Älterer Herr in seinem Alter, nahm ein paar Zettel aus dem obersten Buch und sah auf.

"Herr Koning", sagte er ruhig, sich geradewegs an ihn wendend - er hielt ihm die Zettel hin, "diese beiden bekommen Sie im Handschriftensaal." Die unerwartete Intimität überraschte Maarten so, dass er nicht gleich reagierte.
"Das ist oben", erläuterte der Mann.
"Hier drüber?", fragte Maarten hilflos.
Der Mann lächelte.
"Nein, nebenan", er zeigte über die Schulter, "durch die Schwingtüren."
Als er in die angegebene Richtung schaute, sah Maarten, dass hinten im Raum, halb verborgen hinter den Reihen von Karteischränken, noch weitere Schwingtüren waren.
"Es hat sich viel verändert", gab der Mann zu.
Die Bemerkung berührte Maarten erneut angenehm. Ein Kontakt von Mensch zu Mensch. Kannte er diesen Mann? Er konnte sich nicht an ihn erinnern, doch es war nicht der Moment, ihn sich genau anzusehen.

"Kann ich da auch sitzen?", fragte er.
"Ja, da können Sie auch sitzen", sagte der Mann lächelnd. Mit seinem Bücherstapel unter dem Arm ging Maarten durch die Schwingtüren. Die Tür schlug gegen seinen Arm, weil er sich zu eilig hindurchschieben wollte. Am Ende eines Flures fand er neben einer roten, gemauerten Wendeltreppe eine Tür mit dem Schild "Studentenbücherei". Hinter einem Tresen saß eine junge Frau in einem roten Kleid. Er gab ihr seine beiden Leihscheine. Sie sah sie sich an und blickte dann fragend zu ihm auf.

"Wollen Sie die einsehen?" "Ja."
"Aber die sind hier gar nicht."

"Der Herr von der Ausleihe sagte, dass ich hierher müsste."
Sie schüttelte den Kopf.
"Ist hier denn nicht die ´Bibliotheca Medica Neerlandica´? fragte er auf gut Glück. Es war ein Name, den er aus dem Katalog aufgeschnappt hatte.
"Ich habe keine Ahnung", sagte die junge Frau, nun ebenfalls hilflos. "Hier stehen nur Bücher für Studenten, die Zwischenprüfungen machen wollen."

Es war klar, dass er nicht mehr in diese Kategorie fiel. Er zögerte.
"Aber vielleicht könnten Sie den Herrn dort fragen?" Sie zeigte auf eine Ecke hinten im Saal.
Er drehte sich um, hatte die Geistesgegenwart, seine Bücher auf einen leeren Studententisch zu legen und ging in die Richtung, die sie ihm gewiesen hatte. Dort gab es einen Schreibtisch, an dem allerdings niemand saß. Nicht weit davon entfernt standen jedoch ein Mann und zwei Frauen und unterhielten sich, mit dem Rücken zu ihm. Er näherte sich bis auf etwa zwei Meter und wartete dann regungslos, doch voll innerer Unsicherheit, bereit, beim ersten Anzeichen von Gefahr den Raum in gestrecktem Galopp wieder zu verlassen. Aus dem, was er ihrem Gespräch entnahm, wurde ihm klar, dass sie überlegten, wie sie die Bücher in den Regalen anordnen sollten. Plötzlich, wie in einem Theaterstück, kam eine weitere Person, ein junger Mann, von rechts an. "Kann ich Ihnen vielleicht helfen?" fragte er.

Da Maarten ihn nicht erwartet hatte, erschrak er. "Ja, das heißt..." Er zögerte und gab ihm seinen Zettel.
Der junge Mann betrachtete sie. "Das sind Inkunabeln", stellte er fest. "Da müssen Sie nicht hierher, sondern ein Stockwerk höher."
"Hier direkt drüber?" Er frage es aufs Geratewohl, um etwas zu sagen. "Richtig! Also nicht im neuen Gebäude, sondern im alten!"

Da alles, was Maarten bisher gesehen hatte, funkelnagelneu gewesen war, alles in kahlem Backstein und ungestrichenem Holz, brachte ihn diese Erläuterung in Verwirrung.
"Direkt hier drüber", sagte der Mann noch einmal. "Einfach die Treppe hoch!"

Offenbar hatte der Mann verstanden, dass er es mit einem Idioten zu tun hatte, was nicht dazu angetan war, Martens Selbstvertrauen zu stärken. Während er zu seinen Büchern zurückging, fragte er sich, ob er dann nicht lieber erst diese Bücher durcharbeiten sollte - schließlich hatte er jetzt einen Platz -, setzte sich, und besann sich wieder, stand auf und verließ den Raum, den Stapel Bücher unter dem Arm, auf die Gefahr hin, dass man denken könnte, er wollte sie stehlen. Doch man ließ ihn ungeschoren.

Er stieg die Backsteinwendeltreppe hinauf und stieß im nächsten Stock erneut auf eine Reihe von Türen, alle mit einem Schild versehen, auf dem die Öffnungszeiten standen sowie die Anweisung, dass Jacken und Taschen in die Schließfächer gehörten. In der Tat befanden sich in der Vorhalle ebenfalls eine Menge Schließfächer an einer Seitenwand. Er vergewisserte sich, dass er keine Jacke und keine Tasche hatte, nur seinen Stapel in Leder eingebundene Drucke aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Tür des Handschriftenlesesaals war abgeschlossen. Er las den Text noch einmal und sah auf seine Armbanduhr. Sieben Minuten zu früh. Zögernd blieb er stehen. Warten? Nicht warten! Die Treppe hinunter! Die Treppe führte ihn in einen Keller. Da erst drang zu ihm durch, dass es eine andere Treppe war als die, auf der er gekommen war, und er sich wahrscheinlich auf dem Weg zum Notausgang befand. Zurück! Durch die Ausleihe ins Hauptgebäude! Wohin? Aufgescheucht stieg er auf gut Glück die Treppe in den zweiten Stock hinauf. In den Medizinlesesaal, der bot die geringste Chance auf unerwünschte Begegnungen. Sicheren Schrittes ging er durch den Juralesesaal zu einem kleineren Saal im hinteren Teil und blieb im Durchgang stehen. Mit einem Blick stellte er fest, dass der Medizinlesesaal bis auf den letzten Platz besetzt war. Zurück! Im nächsten Moment sah er mitten im Juralesesaal, an einer sehr unvorteilhaften Stelle, zwei leere Stühle.

Ohne weiter nachzudenken, ging er dorthin und nahm einen in Beschlag, als würde er hier jeden Nachmittag seine wichtige wissenschaftliche Arbeit verrichten. Er zog sein Jackett aus und musterte seinen Besitz. Es sah beeindruckend aus. Alles in Leder - er blätterte ein wenig - und auf Latein. Hier saß einer, der Latein las! In Gedanken gesellte er sich einer kleinen Elite zu und fühlte sich einen Augenblick über das Fußvolk um ihn herum erhaben. Leute wie er wurden eine Seltenheit! In der Zwischenzeit versuchte er, sich in dem erstbesten Buch einen Weg zu bahnen, sah sich das Register an und las hier und da ein paar Sätze. Er verstand rein gar nichts. Das amüsierte ihn, doch da er den Schein wahren konnte, solange er sich nur nichts anmerken ließ - schließlich waren es, mit ein wenig Glück, nur noch sechs Jahre -, konnte diese Feststellung seinem erworbenen Status nichts anhaben. Er sah das Wort panis und begann eifrig, die Sätze darum herum abzuschreiben. Zwei Studenten ihm gegenüber unterhielten sich flüsternd miteinander. Später kamen sie über den Tisch hinweg mit einem dritten ins Gespräch. Maarten sah nicht hin. Vielleicht kannte er sie ja. Er erinnerte sich, wie er vor dreißig Jahren in der Bibliothek gesessen und gearbeitet hatte, in der leisen Hoffnung, dass jemand hereinkommen würde, den er kannte. Das war vorbei. Das Leben eines wahren Gelehrten ist einsam.

Um vier Uhr hatte er so viele Sätze abgeschrieben, dass er fand, die Bücher seien nun durchgearbeitet. Als er seinen Stapel vom Tisch nahm, glitt dieser auseinander und rutschte bis an den Arbeitsplatz des Mannes ihm gegenüber. Der Mann, ein Chinese, arbeitete unbeirrt weiter, wie man es von einem Chinesen erwarten durfte. Maarten stapelte die Bücher erneut auf. Diesmal rutschten sie nach links, wie in einem schlechten Film. Im Laufe der Jahrhunderte war das Leder glatt und rutschig geworden. Überstürzt verließ er den Saal, die Arme und Hände an allen Seiten um das Paket herum, als hielte er einen Säugling. Gerade als er die Ausleihe betreten wollte, kam dort eine junge Frau heraus. Sie wollte die Tür aufhalten, doch er reagierte so unbeholfen, dass sie ihm entgegenschlug. Am Tresen erklärte er, dass eines der Bücher, das er bekommen hatte, zwar die richtige Nummer, aber den falschen Titel hätte, da er versehentlich die Nummer falsch aufgeschrieben habe. Der junge Mann, der ihm dieses Mal half, verstand es zunächst nicht, dann lächelte er und riet ihm, in diesem Fall die richtige Nummer zu bestellen. Natürlich! Er war auch ein Esel!

Gehetzt verließ er den Saal wieder, und verdammt, die junge Frau von eben kam gerade wieder herein, als er durch die Schwingtür gehen wollte. In seiner Verwirrung drängte er sich vor, betrat die Vorhalle, stieg die Treppe hinauf und ging einfach in irgendeinen Flur in Richtung des Handschriftensaals. Der Flur endete in einer Sackgasse. Das war nicht der richtige Weg. Zurück! Erneut in die Ausleihe. Er stolperte über eine Leiste und fiel mehr als er ging durch die Schwingtüren in den Flur zur Studentenbücherei. Also die Treppe hinauf, denn nun kannte er den Weg. Hinter dem Tresen traf er auf einen äußerst sanften jungen Mann, allerdings eine Mann, der wusste, wer er war, während er selbst aus Schaden erst noch klug werden musste. Das verlieh dem jungen Mann eine unverkennbar überlegene Position, was er denn auch deutlich merken ließ. Während Maarten dort stand und wartete, bis er aufblicken würde, arbeitete er ruhig weiter. Bedeutete es vielleicht, dass er seine Scheine in ein Körbchen legen musste? Er sah sich um. Dort stand ein Körbchen, allerdings ohne irgendeinen Text. In dem Moment sah der junge Mann auf. Maarten gab ihm seine beiden Scheine.

"Kann ich diese beiden Inkunabeln einsehen?", fügte er hinzu. Es klang gelehrt, doch es war in diesem Moment vollkommen deplatziert. An einem Tresen spricht man nur von Nummern oder notfalls von Büchern. Der junge Mann zog die Augenbrauen hoch und sah dann auf seine Armbanduhr.

"Das geht gerade noch." Es klang strafend, so sanft er auch war.

´Es geht gerade noch! ´Fünf nach vier! Wo doch auf dem Zettel an der Tür stand, dass der Laden erst um fünf Uhr dicht machte! Machtdemonstration! Während der junge Mann verschwand, setzte sich Maarten auf die Ecke des Tisches, der ihm am nächsten stand. Es war ein kleiner Saal, in dem ein paar gelehrte Männer und Frauen saßen, bis auf einen beträchtlich jünger als er selbst, sodass es keinen Grund gab, ihn so knapp abzufertigen. Der junge Mann blieb lange weg. Maarten fragte sich, ob er etwas tun musste. Er stand wieder auf. Auf dem Tresen lagen ein paar dicke Hefte.

Er sah sie sich an. Es waren Besucherhefte. In diesem Moment kam der junge Mann mit seinen Inkunabeln zurück. Maarten wollte weggehen, so tun, als säße er noch auf seinem Tisch, doch er tat es zögerlich, da ihm nicht klar war, an welcher Stelle er das Ganze in Empfang nehmen musste. Bei den Heften! Da hatte er nicht einmal so weit danebengelegen. Er griff zum untersten und schlug es auf. ´Datum, Name, Adresse, Forschungsziel´, Was um Himmels willen war das Ziel seiner Forschung? Er beschloss zu schreiben, dass er mit der Geschichte des Brotes beschäftigt war. Anschließend sah er sich die Bücher an. Eines der beiden hätte ein anderes sein müssen. Er ging damit zurück zu dem jungen Mann und fragte, wie das sein könnte. Das brachte den Mann in Verlegenheit. Er ging weg. Maarten ging ihm hinterher. Er blieb vor einer Glastür stehen und zeigte nach innen.

"Der Herr dort weiß alles darüber", sagte er. Ein Herr mit einem Bart. "Aber jetzt telefoniert er gerade", fügte er hinzu, worauf er wieder wegging.

Tatsächlich hatte der Mann den Hörer an sein Ohr gedrückt, obwohl er Maarten stehen sehen konnte. Macht! Wie sollte er darauf reagieren? Eintreten? Er ging auf Nimmer sicher, begab sich zurück an seinen Platz und fing mit dem anderen Buch an. Ebenfalls Latein. Er suchte wieder nach dem Wort panis und fand es. Eifrig begann er, alles darum herum abzuschreiben. Die Zeit verging. Er begann zu fürchten, dass er es nicht schaffen würde. Eine  Fotokopie? Er zögerte, fasste sich ein Herz und wandte sich wieder an den jungen Mann. Die Frage brachte diesen erneut in Verlegenheit. Er dürfe darüber nicht entscheiden. Dafür müsse sich Maarten noch einmal an den Herrn wenden. Plötzlich hatte er etwas Unterwürfiges oder zumindest etwas Bedauernswertes. In seiner Position währte Macht immer nur kurz. Schließlich wussten Herren von Welt immer, wie sie einander finden konnten. Dieses Mal ging Maarten denn auch, nachdem er geklopft hatte, entschlossen in den verglasten Raum. Der Herr unterhielt sich mit einem anderen Herrn. Es war ihm egal. Viertel vor fünf. Alles musste nun schnell gehen. Er legte ihm seine beiden Probleme dar. Der Mann sah sich das Buch an, schlug es auf und legte es flach hin, begutachtete es noch einmal auf Augenhöhe und gestattete dann, eine Kopie zu machen.

"Lassen Sie sich einen gelben Schein geben. Für mich ist es in Ordnung."
"Bei dem Herrn dort", vermutete Maarten und zeigte in die Richtung des jungen Mannes. Der Mann nickte. Das andere Problem, das mit dem falschen Buch, konnte er nicht lösen. "Haben Sie in den Katalog gesehen?" "Ja, natürlich!" "In diesem Katalog?" Er zeigte ihm zwei blaue Bücher.
"Nein", gab Maarten zu, ihm war klar, dass er sich damit verriet.

Der Mann ließ sich dies fast nicht anmerken, höchstens ein wenig in seiner Haltung, eine stille Aha-Geste. Er gab ihm die Bücher.
Maarten nahm sie mit zum Tresen, bat um einen gelben Schein, füllte ihn aus und gab ihn ab.
Der junge Mann betrachtete den Schein kritisch. "Sie haben nicht ausgefüllt, was für eine Kopie Sie wollen", sagte er strafend. "Eine Xerokopie?"
"Ist das das Einfachste?", fragte Maarten, da er nicht im Entferntesten wusste, was eine Xerokopie war.
"Ja, das ist das Einfachste."
"Und wann..." Er zögerte, da er nicht wusste, ob es üblich war, dass man die Xerokopie abholen musste, oder ob sie zugeschickt wurde. "In zwei Wochen, denke ich."
"Kann ich sie dann hier abholen?" "Normalerweise werden sie Ihnen zugeschickt, zusammen mit der Rechnung."

Welch eine Erleichterung! Er ging zurück zu seinem Platz und blätterte in den blauen Büchern. Sie wimmelten von Register, doch nicht einmal das Buch, aus dem er gerade abgeschrieben hatte, konnte er darin wiederfinden. Das ließ ihn vermuten, dass ihm selbst die fundamentalsten Kenntnisse fehlten. Je länger er darin blätterte, umso mehr kam er übrigens zu der Überzeugung, dass er diese Bücher kannte oder gekannt hatte, als er noch studiert hatte. Schließlich beschloss er, dass die Inkunabel, die er brauchte, nicht darin stand. Das stellte sich als ein meisterlicher Zug heraus, denn es brachte den Mann mit dem Bart in sichtliche Verlegenheit.

Er zögerte. "Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit", sagte er, "dass Sie Herrn Coenen im Medizinlesesaal fragen. Wissen Sie, wo der ist?"
"Natürlich!" Er kannte das Gebäude. "Der ist gerade mit einem Ergänzungsband beschäftigt", erläuterte der Mann, um sich selbst herauszuhalten. "Der weiß alles. Aber er ist oft nicht da. Vielleicht können Sie ihn anrufen?"

Maarten nickte und lächelte. Seine Position war so stark geworden, dass er es sich erlauben konnte. Er befand sich nun mindestens auf der Ebene des Mannes mit dem Bart. Vielleicht war es diesem ebenfalls bewusst. Er reagierte zwar nicht, doch er sagte noch: "Er hat einen Pieper, sie können ihn also für Sie ausrufen."

Na, bitte! Wenn jemand jetzt noch einen Beweis für sein gestiegenes Prestige haben wollte, war er mit Blindheit geschlagen! Maarten setzte ein breites Lächeln auf. Hier stand ein Gelehrter, der sich eine äußerst seltene Inkunabel ansehen wollte, die nur noch Herrn Coenen bekannt war, der über einen Pieper aufgespürt werden musste" Es war fünf Uhr. Als Sieger verließ Maarten den Handschriftensaal und wollte durch die Schwingtüren zur Ausleihe. Aus der Ausleihe kam ein Mann im Jeansanzug.

"Sie schließen gerade", sagte er zu Maarten, als sei ein Aufstand ausgebrochen. Die Mitteilung ließ Maarten in Panik geraten. "Wie komme ich dann nach draußen?" fragte er.

Am Gesicht des Mannes im Jeansanzug war zu sehen, dass ihn diese Frage in höchstem Maße erstaunte. Er zeigte in die Richtung, aus der Maarten gekommen war, doch Maarten hatte bereits verstanden, dass er die Treppe zum Notausgang nehmen musste, die er bereits früher am Nachmittag hinuntergestiegen war. Schon ziemlich verrückt, dass man um fünf Uhr das Gebäude  über den Notausgang verlassen musste. Er war doch wahrlich nicht der Einzige. Im Handschriftensaal saß noch eine junge Frau, die beiden diensthabenden Herren nicht mitgerechnet. Zu seiner Überraschung endete die Treppe jedoch in der Vorhalle, und plötzlich war ihm klar, wenn auch etwas spät, wie das Gebäude aufgebaut war. Als er es durch den Haupteingang verließ, sah er, dass man bis vierundzwanzig Uhr geöffnet hatte. Was sie eben geschlossen hatten, war ihm ein Rätsel. Die einzige Erklärung, die ihm einfiel, als er den Spui überquerte, um die Zeitung zu kaufen, war, dass der Mann im Jeansanzug ihn hereingelegt hatte. Zu Hause traf er Nicolien [Maartens Ehefrau] beim Schnaps an. "Hast du für mich auch einen?", fragte er...

 

 


 
 

Info Verlagsinformationen zum Buch unter:
http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/819

 

Anmerkung:
Zum besseren Verständnis haben wir eine kurze einführende Erläuterung und Erklärungen zu den Personen ergänzt. Um die Lesbarkeit zu verbessern, wurden von uns zusätzliche Absätze im Text eingefügt.

 


 

 

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