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Ausgabe: 4-2017

Rehe, REWE und Rhoihesse – Die 7. Tour de Provenance

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Nun also ins Rheinhessische. In eine Landschaft von der Carl Zuckmayer schrieb, sie sei „gelassen und anspruchslos“, „bescheidene Haufendörfer, manche mit einer hübschen alten Kirche und ein paar Fachwerkhäusern, die meisten aus schlichtem, graugelbem Wackstein gebaut, ins Gefäll der Wingerte eingeschmiegt, an der Rheinstrecke zwischen Mainz und Worms“. In einem dieser Weinbaudörfer, Bodenheim, trafen sich am Morgen des 23. Septembers sieben glorreiche Radler zur diesjährigen „Tour de Provenance“.


Foto: I. Ottermann

 

Nach einer kurzen Begrüßung am Bahnhof ging’s auch schon bergauf an urigen Kneipen und Straußwirtschaften vorbei, wo besonders am Wochenende weinselige Schoppestecher aus dem nahen Mainz ihrer Leidenschaft des Weck, Worscht un Woi frönen. Die knackige Steigung forderte ihr erstes Tribut: Kollege Eckert behauptete, ein Reh sei quer über den Feldweg gelaufen, was von den anderen Teilnehmern als Halluzination aufgrund der ungewohnten Anstrengung oder Dopings abgetan wurde, aber Ingo Ottermann hatte das Reh auch gesehen, jedenfalls den hinteren Teil desselben. Eckert war sich sogar ziemlich sicher, dass das Reh beim Kreuzen der Straße noch vollständig war.

Nach einem Fotostopp nach dem Motto „blöd gucken oder blinzeln“ (oder beides) und der ersten Bekanntschaft mit einem eingeborenen Rheinhessen, der uns lässig aus seinem Auto heraus  ansprach („Ei, wo wollen er dann he?“), erreichten wir Richtung Harxheim die stillgelegte Bahnlinie des „Amiche“, die, jetzt asphaltiert und als Fahrradweg markiert, ohne größere Steigung entlang der Selz durch die sanften Hügel Rheinhessens führt. Die Strecke Bodenheim-Alzey war fast 90 Jahre  lang in Betrieb ehe der Personenverkehr 1985 eingestellt wurde. Der Name „Amiche“ soll angeblich von einer „Annemarie“ stammen, die für Nachbarn Einkäufe machte und deswegen oft mit dem Zug unterwegs war. Fest steht, dass jede noch so kurze rheinhessische Nebenstrecke ihren eigenen Namen hatte: Bawettche, Gickelsche, Zuckerlottche und das Valtinche, auf das wir noch zu sprechen kommen.

Bald bemerkten wir, dass der Radweg nicht nur von uns befahren wird. Männer mittleren Alters auf carbonberahmten Rennrädern in neonfarbenen Radlerhosen rasten an uns vorbei. Das konnte Eckert nicht auf sich sitzen lassen, zog kurzerhand den Sprint an, musste aber aufgrund der Bürde zweier Rucksäcke, einer vorne, Bauchfleisch um nicht zu sagen Speckrolle, einer hinten, aus Stoff und proviantgefüllt, schnell die Sinnlosigkeit seines Unterfangens erkennen. Der wahre Profi auf unserer Tour 2017 war unbestritten Thomas Denker, der in diesem Herbst mit dem Fahrrad von Buenos Aires nach Santiago de Chile fahren und dabei die Anden überqueren wird und sich sozusagen zum Einrollen die paar Kilometer zwischen Kufstein und Ravenna vorgenommen hat. Über „Rund um Bodenheim“ kann er wahrscheinlich nur lachen …

Über Selzen, Hahnheim, Köngernheim ging’s weiter nach Undenheim, wo dem vorausfahrenden Eckert eine weitere Rehsichtung unterstellt wurde, wobei sich das das in den Fahrtwind gebrüllte Wort „REWE“ als Fehlinterpretation herausstellte. Übrigens sprechen die gemeinen Rheinhessen, zu denen sich der Verfasser dieser Zeilen hin und wieder zählt, den Supermarkt „RÉWÉ“ aus, was womöglich auf die lange gemeinsame Geschichte der linksrheinischen Lande mit Frankreich zurückzuführen ist. In diesem Zusammenhang sei auf Wilfried Hilgerts wunderbares Buch „Wulleewu Kardoffelsupp“ hingewiesen.

Richtung Friesenheim und Dexheim erreichten wir die seit 1951 stillgelegte Eisenbahntrasse des „Valtinche“, inzwischen ebenfalls als Radweg genutzt, benannt nach dem Fuhrmann Valentin, der für den Milchkannentransport (!) nach Nierstein verantwortlich war. Die Strecke wurde 1957 noch einmal genutzt, um den Wahlkampfzug Konrad Adenauers im Bahnhof Dexheim zu parken. Adenauer übernachtete im Zug und bekam am Morgen Blumen und eine Flasche 1921er Trockenbeerenauslese überreicht. Ob er diese zum Frühstück zu sich genommen hat, ist nicht überliefert.

In der Pizzeria „Winzerhaus“ in Nierstein kehrten wir zum wohlverdienten Mittagessen ein. Es wurde zwar keine Trockenbeerenauslese aber das ein oder andere kühle Getränk serviert und auch Pizza, Pasta und Salat an der langen Tafel im Hof fanden bei herrlichem Sonnenschein unsere ungeteilte Zustimmung. Fast zu schön, um weiterzufahren. Kaffee wurde bestellt. Über Vieles wurde gesprochen: Urlaub in Italien, Juist, Kopenhagen, Mosaiken, Rad-Winterreifen und den Schweizer Zoll. Alles Themen „jenseits von HEBIS“, wie Annelen Ottermann so treffend bemerkte. Auch das macht den Reiz unserer Tour aus.

Irgendwann schwangen wir uns dann aber doch auf unsere Räder und fuhren Richtung Rhein entlang des Roten Hangs, einem mit Felsen durchzogenen Bergrücken, wo auf Ton- und Sandsteinböden ein ausgezeichneter Riesling gedeiht. Die rote Farbe rührt von eingelagerten Eisenverbindungen, die die Grundfarbe des rheinhessischen Bodens bilden, besonders in der Gegend um Nierstein und Nackenheim.

Der gebürtige Nackenheimer Carl Zuckmayer beschreibt das heimatliche Farbenspiel in seinen Erinnerungen in lyrischen Tönen: „Rot ist in vielen Schichten und Stufen über die Rebhügel, Felder und Wege versprengt: das stumpfe Hellrot zerbröckelter Ziegelsteine, das fleckige Rotbraun von verrosteten Radreifen, das satte volle Geleucht von den Brustfedern des Blutfinken, das verwaschene Karmin eines föhnischen Abendhimmels, all das mischt sich im Staub und in der Feuchte des wurzelkräftigen Lehms, und wird im Herbst von der Verfärbung des Weinlaubs und der Baumblätter überfunkelt.“

Rot war auch die Farbe der Erdbeer-Sauce über dem Spaghetti-Eis, das zum krönenden Abschluss nebst anderen Eis-Spezialitäten im Eissalon am Bodenheimer Bahnhof genossen wurde. Den letzten Tusch gab es, als Ingo Ottermann der leere Eisbecher vom Tisch fiel, zu Bruch ging und die Inhaberin des Ladens so tat, als wäre gerade ein Muranoglas aus dem 18. Jahrhundert in tausend Scherben zersprungen. Trotz dieses kleinen Missgeschicks waren wir uns alle einig, dass die Provenienz-Tour wieder ein voller Erfolg war und unbedingt auch 2018 wieder stattfinden sollte.

Die Tour-Teilnehmer 2017 waren: Dr. Annelen und Ingo Ottermann, denen für die hervorragende Organisation zu danken ist, Monika und Thomas Denker, Dr. Silvia Uhlemann, Christian Richter und Hans Eckert.

 

 

Abbildung 2 (Carl Zuckmayer) entnommen von:
http://www.zuckmayerwein.de/

Hans Eckert
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