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Ausgabe: 3-2008

"Das ewige Gebimmel"

Der Aperitif...

Über eine ungewöhnliche „Bibliotheks“-Tätigkeit


Auch das kann zum bibliothekarischen Alltag gehören: In der Stellenausschreibung für die Leitung der Musikabteilung an der ULB (damals noch HLHB) Darmstadt las ich im März 2001 unter den Aufgaben „Betreuung des Darmstädter Glockenspiels“. Es war mir schleierhaft, was sich dahinter wohl verbergen würde, aber ich war auch sehr gespannt.

Das Glockenspiel im ältesten Teil des Darmstädter Schlosses, worin sich bekanntlich auch die ULB Darmstadt befindet, gehört zur Stadt wie das Kulturdenkmal Mathildenhöhe oder solch typische Merkwürdigkeiten wie Datterich und Heinerfest, sprich: es wird von der lokalen Bevölkerung als unverzichtbarer Bestandteil ihrer Identität als „Dammstädter“ angesehen. (Abgesehen davon, dass es auch bei uns in der ULB immer wieder Gesprächsthema ist, z.B. ob man das Lied erkennt oder zu lange dieselben Lieder hören muss – kurz: mir wird in der Rolle der Betreuerin so schnell nicht langweilig.)

Den originalen Vorgänger der jetzt erklingenden Nachkriegs-Replik ließ 1671 Landgraf Ludwig VI. errichten – sozusagen als Entschädigung für die Zerstörungen und Entbehrungen des 30jährigen Krieges, als Geschenk an seine Residenz zum Wiederaufbau.

Vorbild waren niederländische Glockenspiele, namentlich das der Oude Kerk in Amsterdam; die Niederlande gelten als die Heimat der „Carillons“, das sind spielbare Glockenspiele mit mindestens 23 Glocken, die über einen Spieltisch mechanisch bedient und in neuerer Zeit auch elektronisch betrieben werden können.

Ludwig VI. verfügte das halbstündige Abspielen festgelegter, damals dem Kirchenjahr folgender Lieder. Ein Prinzip, das in Darmstadt bis heute gilt mit dem einzigen Unterschied, dass nun zur halben Stunde jeweils ein der Jahreszeit angemessenes weltliches Lied gespielt wird. Es gibt pro Monat zzgl. der hohen kirchlichen Feste jeweils 4 Liedkombinationen (Jahrgänge), die immer noch auf den Kompositionen der „Glockendirektoren“ des 18. und 19. Jh. beruhen. Die Wichtigkeit dieses Postens bemisst sich u.a. daran, dass er direkt dem Hofkapellmeister unterstellt war; das Glockenspiel war auch noch lange nach seinem Begründer ein wichtiges Hofinstrument.

Diese Bedeutung hat es auch in seiner demokratisierten Variante seit der Nachkriegszeit nicht verloren: als Darmstadt nach dem verheerenden Bombenangriff 1944 in Schutt und Asche lag, war auch der Glockenturm zerstört worden, doch die Darmstädter ruhten nicht, bis mit den Mitteln einer großangelegten Spendensammlung 1951 ein neues Glockenspiel mit zunächst 21 Glocken errichtet werden konnte. Weitere 9 Glocken kamen bis heute noch dazu.

Grundlegend neu war die Antriebstechnik: war das Abspielen der Lieder bislang von einer Spieltrommel gesteuert worden (vergleichbar einer überdimensionalen Spieluhr), angetrieben vom Uhrwerk, mit dem die Glocken stets gekoppelt waren, so wurde nun eine automatische Steuerung eingerichtet, bei der eine Walze mit gelochten Papierstreifen elektrisch in Gang gesetzt wurde. Weiterhin konnte natürlich von Hand gespielt werden.

Eine weitere, bahnbrechende Neuerung wurde um 1980 auf Anregung eines elektrotechnischen Instituts der TU in Gestalt einer Computersteuerung installiert. Diese Technik steht auch mir bis heute für die „Fütterung“ des Instrumentes mit seinem monatlich wechselnden Liedprogramm zur Verfügung. Denn die Verwaltung des Glockenspiels ist seit 1956 im Zuständigkeitsbereich der Bibliothek, seit den 80er Jahren genaugenommen des Leiters der Musikabteilung. So aufregend, wie Sie nun vielleicht denken, ist es aber gar nicht, tue ich doch nichts weiter als zu Beginn jedes Monats den Glockenturm des Darmstädter Schlosses zu besteigen, um aufgrund der vorgegebenen Möglichkeiten des Computerprogramms die Liedkombination zu wechseln.

Die noch bis vor ca. 10 Jahren übliche Praxis, zur Adventszeit regelmäßige Konzerte im Schlosshof mit dem von Hand gespielten Glockenspiel durch wechselnde Darmstädter Kirchenmusiker zu veranstalten, ist leider eingeschlafen, wofür ich jedoch nichts kann; ich lauere seitdem sozusagen auf eine Gelegenheit, dies wiederzubeleben. Organisten sollten die Spieler schon sein, ähnelt doch der Spieltisch am ehesten dem einer Orgel. Allerdings hat sich kürzlich ein Glockenspielspezialist aus Würzburg bei mir gemeldet, der neben seinen Fähigkeiten als Spieler („Glockenist“ – es heißt wirklich so und ist v.a. in den Niederlanden und Belgien eine hochgeachtete künstlerische Tätigkeit) und Fachkenntnissen in der automatischen Steuerung sogar eine musikwissenschaftliche Doktorarbeit über das Darmstädter Glockenspiel schreiben will.

Wie man sieht, ist unser betagtes Glockenspiel also alles andere als ein Auslaufmodell.


Besichtigungen (auch) für Kollegen übrigens jederzeit gerne mit kurzfristiger Terminvereinbarung: 06151 165807

oder: uhlemann@ulb.tu-darmstadt.de


Silvia Uhlemann
ULB Darmstadt

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