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HeBIScocktail
HessFort
HeBIScocktail
Ausgabe: 3-2008

"… in Dankbarkeit zugeeignet …" – Die Widmung führt zum Vorbesitzer

Themen

Kooperative Provenienzerschließung im HeBIS-Verbund


Die Erschließung der Herkunft von Büchern innerhalb eines Bibliotheksbestandes ist ein besonderes Anliegen von Bibliotheken mit großen Altbeständen (Handschriften, Inkunabeln, Alte Drucke). Aufschluss über den Weg, den ein Buch durch die Hände von privaten Büchersammlern und Bibliotheken genommen hat, können zum Beispiel Besitzvermerke, Bucheinbände oder Widmungen geben.

Längst ist aber die Provenienzerschließung nicht mehr allein auf Altbestände beschränkt; eine besondere Bedeutung kommt ihr unter anderem im Zusammenhang mit der Aufklärung des Schicksals jüdischen Vermögens in und nach der NS-Zeit zu. Auch Nachlässe oder wertvolle Schenkungen aus jüngerer Zeit werden gerne zusätzlich nach ihrer Herkunft erschlossen.

Die Erschließung von Provenienzen ist ein äußerst aufwendiges und zeitintensives Geschäft, denn oft ist sie mit umfangreichen Recherchen, Korrespondenzen, detektivischem Spürsinn und einer guten Portion Beharrlichkeit verbunden1.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist es somit mehr als sinnvoll, die Erkenntnisse aus einem solchen Prozess nicht in der Schublade eines Bibliothekars verschwinden zu lassen, sondern sie mit anderen Bibliotheken und Bibliothekaren zu teilen. Das bewusste Kooperieren zum Erreichen von Synergieffekten wiederum ist die klassische Grundlage jedes Bibliotheksverbundes.

Für den HeBIS-Verbund wurde deshalb von Experten entschieden, Provenienzerschließung künftig kooperativ zu betreiben. Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern/Vertreterinnen verschiedener Bibliotheken und Mitarbeiterinnen der Verbundzentrale hat in den letzten Monaten die Rahmenbedigungen einer solchen kooperativen Provenienzerschließung sowie deren praktische Ausgestaltung definiert; in der Verbundzentrale wurden die notwendigen technische Vorbereitungen umgesetzt.

Die Praxis der Provenienzerschließung im HeBIS-Verbund setzt darauf, bereits vorhandene Daten und Standards konsequent nachzunutzen. Ein Provenienzeintrag besteht immer aus der Angabe des oder der Vorbesitzer und fakultativ aus Angaben zu besonderen Merkmalen des vorliegenden Exemplars.

Die Erfassung erfolgt idealerweise normiert, um Zusammengehörigkeiten erkennen und herstellen zu können (z.B. versprengte Bestände einer aufgelösten Bibliothek oder Privatsammlung). Da in Deutschland mit der Personennamendatei (PND) und der Gemeinsamen Körperschaftsdatei (GKD) bereits normierte Daten vorliegen, liegt es nahe, diese für die Erfassung von Vorbesitzern zu nutzen.

Flankierend wurde bei der Deutschen Nationalbibliothek beantragt, die Normdatensätze um für die Provenienzerschließung wesentliche Informationen zu erweitern. Für die Fälle, in denen die Informationen zu einem Vorbesitzer (noch) nicht die Verzeichnung der Person in der überregionalen PND erlauben, wird in HeBIS ein neuer Typ von Personennormsatz eingeführt ("Tni"), der ausschließlich für die Provenienzerschließung zur Verfügung steht.

Neu wird für den HeBIS-Verbund auch sein, dass Normdatenverknüpfungen (für Vorbesitzer) in den Exemplardaten vorgenommen werden. Dafür stehen die Kategorien 6880 bis 6898 zur Verfügung. OCLC wurde damit beauftragt, im Sinne der kooperativen Arbeitsweise im Zentralsystem eine ILN-übergreifende Suche für die Vorbesitzer-Einträge in den Exemplardaten zu realisieren, die bisher nicht vorgesehen ist.

Exemplarspezifische besondere Merkmale werden unter Nutzung der Deskriptoren des Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO)2 in der wiederholbaren Kategorie 6899 erfasst. Auf eine prinzipiell mögliche Kettenbildung wird dabei aber bewusst verzichtet. Die Verbundzentrale stellt eine Tabelle aller Deskriptoren zur Verfügung, die in die WinIBW eingebunden werden kann. Zusätzlich steht Kategorie 4801 für eine ausführliche Beschreibung der exemplarspezifischen Merkmale mit einem Freitext zur Verfügung.

Wenn es sinnvoll erscheint, für eine genauere Identifizierung von besonderen Merkmalen eine Abbildung derselben zur Verfügung zu stellen (z. B. von einem Exlibris, einem Wappen, einer Widmung, einem Einband etc.), kann künftig ein Scan oder ein Foto hergestellt und auf einem zentralen Server abgelegt werden. Die elektronische Adresse der Abbildung wird in den Exemplardatensatz oder bei Bedarf auch in den Normdatensatz des Vorbesitzers eingesteuert.

Zur Unterstützung der praktischen Arbeit bei der Provenienzverzeichnung wird derzeit ein Praxisleitfaden unter Federführung der Stadtbibliothek Mainz erstellt, die bereits über einige Erfahrungen auf dem Feld verfügt.

Der gegenseitig Austausch von Provenienzexperten untereinander wird ab sofort von einer bundesweiten Mailingliste3 unterstützt, die auch über ein durchsuchbares Archiv verfügt, um einmal gewonnene Erkenntnisse dauerhaft zu sichern.



1 Siehe hierzu auch:
Ottermann, Annelen: Der Geschichte unserer Bücher auf der Spur. In: HeBIScocktail, 1/2008


2 In: Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke (AAD) beim Gemeinsamen Bibliotheksverbund: Empfehlungen zur Provenienzverzeichnung. Weimar 2003 (PDF), S. 10ff.


3 Aufnahme auf die Liste nur über persönliche Kontaktaufnahme mit Rita Albrecht, HeBIS-Verbundzentrale, Email r.albrecht@ub.uni-frankfurt.de, möglich


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