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Ausgabe: 4-2014

Die Geschichte vom Goethe-Pfennig

Gastbeitrag

Es war einer dieser Tage ... Peter Eisenhardt, schlecht verdienender Schriftsteller, kämpfte mit seinem erst halbfertigen Roman, als sein Agent anrief und nur Deprimierendes über die Verkaufszahlen seines letzten Buchs sagte. Von einem Gefühl der Vergeblichkeit übermannt, schaltete er den Computer aus und die Glotze ein.

Dort sagte ein Politiker gerade: „Man muss etwas für die Autoren tun!“ Autoren, fuhr er fort, steckten oft Jahre an Arbeit in ein Manuskript, ohne angemessene Entlohnung oder auch nur Veröffentlichung zu finden:

Ausbeutungsähnliche Verhältnisse seien das, und die Politik müsse hier Abhilfe schaffen. „Wissen wir, wie viele gute Romane deswegen ungeschrieben bleiben? Diese skandalöse Verschwendung kreativer Energie können gerade wir als Kulturnation uns nicht länger leisten. Alles klagt, es gehe mit Deutschland abwärts. Ich sage: Hier ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen!“

Die Gesprächsrunde pflichtete ihm bei, und wenige Tage später kündigte die Regierung eine entsprechende Gesetzesinitiative an. Wichtigste Neuregelung des geplanten „Autoren-Arbeitsplatz-Schutzgesetzes“, abgekürzt AuArSchG: Künftig mussten alle Bücher mit einer Mindestauflage von 20 000 Stück erscheinen. Obwohl Kleinverleger zu berücksichtigen baten, sie kämen nicht mal mit ihrem Gesamtprogramm auf solche Zahlen, passierte der Gesetzentwurf in erster Lesung.

Eisenhardts Agent war begeistert. Eisenhardt auch, als er den bereits nach AuArSchG abgeschlossenen Vertrag für sein nächstes Buch sah: Eine höhere Startauflage bedeutete natürlich auch einen höheren Vorschuss!

Ein mit Peter Eisenhardt befreundeter Autor allerdings, eben noch dicht vor seinem ersten Vertrag, bekam mit Bedauern erklärt, man könne aufgrund des neuen Gesetzes sein Buch nun doch nicht veröffentlichen; eine so hohe Auflage für einen Erstautor sei ein zu großes Risiko.

Überhaupt setzte, da das AuArSch-Gesetz die erhoffte Ausnahmeregelung für Kleinverlage doch nicht enthielt, unter diesen ein rasantes Sterben ein, was es für unveröffentlichte Autoren noch schwieriger machte, einen Verlag zu finden. Auf der nächsten Frankfurter Buchmesse blieb die Halle der Kleinverleger leer, und die Zahl der Buchneuerscheinungen war deutlich gesunken.

Doch die Politik blieb nicht untätig. Der Initiator des AuArSch-Gesetzes, inzwischen Wirtschaftsminister, machte sich für die Subventionierung des Kulturgutes Buch stark. Dank der Beihilfen stieg die Zahl der Neuerscheinungen wieder, ebenso die Zahl der Verlage. So konnte auch Eisenhardts aufstrebender Kollege endlich den Abschluss seines ersten Verlagsvertrages vermelden, lukrativ genug, um bei ihrem Lieblingsitaliener zu feiern.

Weil die Literatursubventionen den Etat des Wirtschaftsministeriums bald überforderten, beschloss die Regierung, einen AuArSch-Aufschlag in Höhe von maßvollen ein Prozent auf den Solidarbeitrag zur Einkommensteuer zu erheben. Eine Zeitung taufte die neue Abgabe den „Goethe-Pfennig“.

Einziger Wermutstropfen: Immer mehr Leute erklärten, sie hätten das Lesen aufgegeben, weil bloß noch Schrott auf den Markt käme. Daraufhin beschloss die Kultusministerkonferenz, Zuschüsse künftig vom literarischen Gehalt eines Werkes abhängig zu machen. Kommissionen wurden eingerichtet und Gutachterstellen geschaffen, auf denen übrigens Lektoren unterkamen, die im Zuge der Pleitewelle unter den Kleinverlagen arbeitslos geworden waren.

Die ersten literarischen Prüfungen sorgten für Unmut; Verleger und Autoren nannten die Gutachten ahnungslos, parteilich oder Schlimmeres. Eine bundesweite Autoren-Gewerkschaft gründete sich und setzte durch, dass auch Gewerkschaftsvertreter in den Prüfungsgremien saßen. Auf Anraten seines Agenten trat auch Peter Eisenhardt bei. „Wenn Sie kein Mitglied sind, haben Sie künftig keine Chance mehr“, erklärte er ihm.

Im Internet handelte man Hinweise auf die Vorlieben der Gutachter, um eigenen Manuskripten bessere Chancen zu verschaffen. Der Goethe-Pfennig war im Zuge der Reorganisation auf fünf Prozent angehoben worden.

Der Buchhandel klagte weiter über nachlassende Umsätze; die Belletristik sei schematisch geworden, wirklich Neues bekäme man kaum noch zu lesen. Ein Bericht des Bundesrechnungshofs offenbarte, dass trotz aller Maßnahmen die absoluten Verkaufszahlen der meisten Titel nicht nennenswert gestiegen waren. Stattdessen wurden mehr Bücher makuliert als je zuvor. Dies rief den Umweltminister auf den Plan: Es gehe nicht an, Bücher für den Reißwolf zu drucken. Die 3. Ergänzungsregelung zum AuArSch-Gesetz enthielt ein striktes Makulierverbot.

Unmittelbare Folge war, dass Eisenhardts neuer Roman trotz positiven Gutachtens nicht erscheinen konnte. „Die Lagerkosten“, erklärte der Agent. „Der Verlag muss vom vorigen Titel erst genug abverkaufen, ehe er einen neuen auflegen kann.“ „Und wovon soll ich so lange leben?“ fragte Eisenhardt.

Hier hatte die Politik zum Glück weise vorgesorgt: Das positive Gutachten erlaubte die Beantragung von Wartegeld. Auch das Makulierverbot änderte aber nichts an den stagnierenden Verkaufszahlen. Die neu geschaffene Bundesliteraturkommission kam zu der Einsicht, dass man das Lesen selbst fördern müsse. Aufwendige Werbeaktionen pflasterten die Republik mit Slogans wie „Lies mal wieder“ oder „Mehr Zeit für Bücher“. Bücher sollten zudem künftig von der Steuer absetzbar sein, mittels eines darin enthaltenen Gutscheins. Die hierfür notwendigen fälschungssicheren Hologramme machten die Produktion allerdings aufwendiger und eine Anhebung des Goethe-Pfennigs auf 17 Prozent unumgänglich.

Doch nach wie vor griffen Leser mehrheitlich lieber zu Romanen bekannter Bestsellerautoren, und so verschob sich das Erscheinen von Eisenhardts nächstem Buch um ein weiteres Jahr. Sein Freund, der hoffnungsvolle Nachwuchsautor, sah überhaupt keine Chancen mehr, nicht bei offiziellen Verlagen jedenfalls. Es gebe aber, vertraute er Eisenhardt an, inzwischen sogenannte graue Verleger, die Liebhaberausgaben in illegalen Kleinauflagen herstellten. Riskant! Die Polizei war auf diese Machenschaften längst aufmerksam geworden; sie hatte verdeckte Ermittler in die graue Szene eingeschleust, um deren Drahtzieher dingfest zu machen.

Trotz aller Anstrengungen schrumpfte der Buchmarkt, nahm die Zahl der Neuveröffentlichungen, der aktiven Autoren, Verlage und Buchhandlungen stetig ab. Es bedurfte eines Ökonomieprofessors namens Peter Stuß, um frischen Wind in die Sache zu bringen. „Solange einzelne Autoren die Leser in unverhältnismäßig großer Zahl an sich binden, ist keine Gerechtigkeit zu erreichen. Die Leser sind es, die Sie gerecht zuteilen müssen!“

Dieses Argument traf in der Regierung auf offene Ohren. Eine völlig überarbeitete Neufassung des AuArSch-Gesetzes wurde eilig durch die gesetzgebenden Gremien gepeitscht. Wichtigste Neuerung war eine gesetzlich vorgeschriebene Höchstauflage von 40 000 Exemplaren pro Buch. Da dies vorwiegend ausländische Bestsellerautoren traf, keine armen Leute also, galt die Reform als sozial ausgewogen.

Die Folge war, dass diese Bücher im Nu ausverkauft waren. Schon frühmorgens standen lange Schlangen vor den Buchhandlungen. „Wenn das kein Zeichen ist, dass die Menschen wieder gerne lesen!“ meinte ein Kultusminister zufrieden.

Es kam zu dramatischen Szenen. In Köln entbrannte zwischen zwei Männern ein heftiger Boxkampf um das letzte Exemplar des neuen John Irving. In München rangen zwei Frauen erbittert um einen Donna Leon, bis das Buch im Seitenkanal der Isar landete. Und bei einem Mord in Hamburg stellte sich heraus, dass der Täter es auf einen Henning Mankell im Besitz des Opfers abgesehen gehabt hatte.

Büchertauschringe unterliefen den Zweck des Gesetzes, die gerechte Verteilung von Lesern auf Autoren; illegale Nachdrucke aus dem Ausland fanden auf Schwarzmärkten reißenden Absatz, und mehr und mehr Menschen gingen dazu über, Bücher auszuleihen und einfach zu fotokopieren! Regierungsvertreter sprachen von einem Angriff auf die Kultur, der mit harten Mitteln beantwortet werden müsse. Unter Zustimmung aller Parteien wurde das Kopieren von Büchern mit hohen Strafen belegt, und die erste Großrazzia brachte ein Dutzend John-Grisham-Kopierer vor Gericht.

Doch nach wie vor wurde die gesetzliche Mindestauflage selten ausgeschöpft. Die nächste Stufe des Stuß-Konzeptes sah deswegen vor, dass künftig nur der noch einen Bestseller kaufen durfte, der den Kauf einer Anzahl weniger gefragter Bücher nachweisen konnte. Jeder Buchhandlungskunde bekam eine persönliche Chipkarte, die beim Kauf vorzulegen war. Anfangs warteten viele Kunden an den Kassen vergebens auf Verbindung zum zentralen Server und mussten trotz ausreichenden Punktekontos Bücher von Stephen King oder Ken Follett zurücklassen. Als das sogenannte Stuß-System endlich funktionierte, standen viele kleine Buchhandlungen vor dem Ruin.

Da traf es hart, dass in diesem Jahr die Frankfurter Buchmesse abgesagt wurde, und zwar endgültig. Das verstand niemand in Regierungskreisen: Widmete doch nirgendwo auf der Welt die Politik dem Buch so viel Aufmerksamkeit wie hierzulande! Ein Leitartikel fragte, ob es nicht ratsam wäre, der Staat zöge sich aus dem Verlagswesen zurück, beschränke sich auf die Sicherung des Urheber- und Vertragsrechts und ließe Autoren, Verleger, Buchhändler und Buchkäufer ansonsten nach eigenem Gutdünken handeln.

Bissige Kommentare nannten den Leitartikler einen Neoliberalen, der zurück zum Gesetz des Dschungels wolle. So könne die Lösung auf keinen Fall aussehen, beteuerten Vertreter aller Parteien. Abstriche an Stuß-IV, wie die nächste Reformrunde griffig genannt wurde, werde es nicht geben. Stuß-IV zielte auf den Missstand, dass immer mehr Leute Bücher nur der Punkte wegen kauften. Dies brächte die weniger bekannten Autoren um die angestrebte Wahrnehmung, erklärte der Vorsitzende der Literaturförderungskommission. In jeder Stadt werde ein Prüfungszentrum eingerichtet, wo man vor Gutschrift der Punkte nachweisen musste, dass man ein Buch tatsächlich gelesen hatte.

Der Innenminister kündigte eine bundesweite Polizeiaktion gegen Schwarzverleger an. „Es gibt Verträge mit Autoren, die völlig am AuArSch-Gesetz vorbeigehen – Autoren wie zum Beispiel Peter Eisenhardt ...“ Eisenhardt fuhr hoch, hörte ein Martinshorn. Nichts wie weg!

Erst in der belebten Innenstadt hielt er keuchend inne. Was war los? Keine Schlangen vor den Buchhandlungen? Keine Sperrgitter, Ausgabetheken, Wachleute? Niemand, der an der Kasse einen Ausweis vorlegte? Stattdessen allgemein zugängliche Buchregale – und der neue Harry Potter! Das unerschwinglichste Buch der Welt! Eine ganze Palette davon! Mit zitternden Händen trug Eisenhardt ein Exemplar zur Kasse: „Kann ich das kaufen? Einfach so?“ Die Kassiererin musterte ihn befremdet. „Wenn Sie genug Geld dabeihaben, sehe ich kein Problem.“

Er begriff, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. In der Straßenbahn nach Hause las er sich fest, und bald kamen ihm ein paar Ideen für seinen eigenen Roman. Als er wieder am Computer saß, sagte er sich: „Ich werde jetzt einfach das beste Buch schreiben, das ich je geschrieben habe.“

Und er war so glücklich wie schon lange nicht mehr.




Andreas Eschbach

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Fotos: HeBIS
(Frankfurter Buchmesse 2014)


Weitere Informationen zum Autor:


Andreas Eschbach auf der Buchmesse 2014:






Andreas Eschbach

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